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Des muss aber unter uns bleiben, gell!Bekannt wie ein bunter Hund und seit 2008 regelmäßig mit einer Kolumne im Straßenkreuzer vertreten: Klaus Schamberger, »Spezi«, Autor, Aufs-Maul-Schauer.
Neben der aktuellen Kolumne finden Sie hier die Beiträge früherer Ausgaben.
No Vember, No Fun“ lautet eine alte fränkische Spätherbstmelancholie, welche wiederum auf einem Afforismus des worldwiden Reiseunternehmens „Last Exitus“ basiert – „No Risk, No Funeral“. Was wollen uns diese beiden Sinnsprüche aus dem Kalten Testament sagen? Sie wollen uns sagen, dass unsere kleine Welt, speziell in den Monaten Oktober, November, Dezember, ein Jammertal ist. Oder um es mit dem Schoppershofer Nach-Sokratiker Paul Preller elegisch-philosophisch auszudrücken: Der Herbst bei uns is ein Krampf.
Draußen dröhnen raschelndes Laub, Kinderquietschen oder bereits ein knirschender Schnee an unser eines Ohr, um aus dem anderen Ohr sich wieder zu entfernen. Dann wieder Herbstzeitlose, Stoppelfelder, Stachelbeerwein in Marloffstein, Wind, Wolken, Drachen und oft bis zu zwanzig (!!!) Minuten Langeweile. Eine innere Einkehr kurz vor einer akuten Gemütsthrombose, eventuell sogar Selbsterkenntnis, oder noch verheerender: Stille, Ruhe, Frieden. November. Nicht mehr Kärwa, Altstadtfest- und Komasaufen – noch nicht Grinskisdleinsmarkt und Japaner-Looking. Niemandszeit, null Risk, no Fun.
Um noch einmal Paul Preller zu zitieren: „Da wennsd mir nicht gehst!“ Nicht ums Verrecken möchte da der Mensch von Heute, beziehungsweise von Morgen und Übermorgen daheimbleiben.
Was wir jetzt zum Überleben brauchen, is irgendwas Extremes, Challengehaftes, Adrenalinhaltiges. Aber nicht das Herkömmliche, wo jeder Durchschnittsknalldepp jetzt schon über den Atlantik skite-surft, Nordgrönland im Sattel seines Einrades durchpflügt oder im Paraglider über die malaysische Inselbrücke gen Australien schwebt. Wir brauchen nicht das Herkömmliche, sondern das Hinkömmliche. Also dass man am Ende seines Extrem-Adventure-Urlaubs so hin ist wie nur irgendwie möglich. Raus aus dem herbstlichen Elend, nei ins gelobte Land, ins Paradies. Drei Monate Kidnapping am Ararat, Holiday on Iceclimbing, die letzte Badeölung in der Haifischbay und dann nauf zum finalen Speier in Himmerleier.
Und extrem wichtig beim Extrem-Urlaub: Ab 5.000 Meter Höhe immer ohne Sauerstoff und möglichst ungeschützt, sodass schon bald bei 50 Grad unter Null Nase, Finger, Ohren, Zehen abbrechen und im Sturm auf und davonfliegen. Ohne diese Gliedmaßen kann nämlich der bereits erwähnte, dringend notwendige Adrenalinschub viel besser im Körper zirkulieren.
Und außerdem geben heute nicht mehr wie früher Kilometer, Flugstunden und Kofferaufkleber Auskunft über die Qualität unserer Völkerwanderungen, sondern die Ferien werden nach Sauerstoffmangel, tiefen Fleischwunden, Genickbrüchen, Epidemien, Lösegeldhöhe, Bewaffnung der Erschießungskommandos bemessen und in Güteklassen eingeteilt. Je toter die Heimkehr, desto besser. Denn nur wer bei Schneetreiben und Dauerfrost halbnackert auf die Zugspitze naufrennt und erfriert, wer 100 Meter unterhalb vom K2-Gipfel 7.000 Meter senkrecht ins Tal rutscht und dort weitgehend unkenntlich, aber vollkommen glücklich wieder ankommt, wer im Indischen Ozean von der Maschinengewehrgarbe eines Piraten in zwei Hälften eingeteilt wird oder aber beim Mikrowelling, dem Kraterklettern in einem garantiert noch nicht erloschenen Vulkan, nunterfliegt bis zum Erdmittelpunkt und dann als Rauchwolke (eine Smoking genannte Extrem-Sportart) ins Jenseits schwebt – der kann danach an der Himmelspforte was erzählen, der ist mit der Sehnsucht nach einer Challenge voll auf seine Bestattungskosten gekommen.
Trotz dieser vielfach schon im Reisebüro angebotenen Fluchtmöglichkeiten aus unserer Novembertrostlosigkeit gibt es vereinzelt aber immer noch vollkommen nervenkitzelfreie Hirnheiner, die ihren, nicht erfrorenen, Zeigefinger erheben und mit ihrem, nicht geknebelten, Mund warnen, dass es sich bei unserem hohen Adrenalinbedarf möglicherweise um was extrem Pathologisches handelt. Dass wir, die adrenalingeschubsten Adventure-Lemminge, schon eine schöne Epidemie bilden. Und dass aber sie, die außerhalb der Lemminggemeinschaft im Allerseelennebel dahinvegetierenden Lahmärsche, es im Kopf nicht verstehen: Wenn wir einerseits gern auf der Welt sind, am liebsten für immer, und uns andererseits genau so dringlich bei 280 km/h auf der Autobahn wünschen, dass wir an einen Brückenpfeiler brettern, in zwei- bis achttausend Meter erfrieren und ersticken und sodann, möglichst zusammen mit zehn Mann von der Bergwacht, lang vor unserer Zeit das Zeitliche segnen.
Im Kopf kann man dieses Extrem-Mysterium aber wahrscheins nicht ergründen. Höchstens später einmal, je nach Glaubensrichtung, im Himmel, im Nirwana, bei den 200 Jungfrauen, als reinkarnierter Regenwurm oder im Zinksarg.
Jetzt bloß einmal angenommen, es treibt sich bei uns in der Südstadt auf einem Seniorenspielplatz ein alter Krauterer rum, von der Sorte ortsansässiger Sodderhoofn, der in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Licht der Welt erblickt hat. Licht hat es ja damals auch schon gegeben, vor allem tagsüber. Aber auch nachts, unheimlich hell ist es zum Beispiel in der Nacht vom 2. Januar 1945 gewesen. So hell, dass man ganz geblendet war und Jahrzehnte lang von der Nürnberger Altstadt nix mehr gesehen hat, nur noch braunen Dreck. Der hat sich auch nach 1945 noch lang gehalten.
Aber wir waren bei: Licht der Welt erblickt. Also praktisch Zeitzeuge. Zeitzeuge von was? Vielleicht erzählt es dir der Krauterer. Dass damals im Sommer ein Sommer gewesen ist, im Herbst ein Herbst und im Winter ein Winter mit einem sogenannten Schnee. Dieser ist ungefähr ab Weihnachten vom Himmel gefallen und hat das Land mit einem weißen Überzug bedeckt. Bis in den Frühling hinein. Komaschnaufen ist noch nicht erfunden gewesen, also die Luft war rein, die Autobahn eine Geisterbahn. Im bereits erwähnten Sommer hat es gleich hinter der Stadt nach einer frisch gemähten Wiese gerochen.
Dann hat’s noch gegeben: Hennergackern, barfers übers Stoppelfeld dibfn, ein Bengerzbad, einen Gurkensalat im Einmachglas, ein Windsheimer gegen den Durst, ein Gnerzla vom frischen Brot und später beim Bäcker drei Sorten Weckla: Schnittweckla, runde und Kipfla. Von einer Vielfalt hat da nicht im Entferntesten eine Rede sein können.
Wenn das alles in der Erinnerung von dem Krauterer jetzt in Form einer gewissen Schönheit auftaucht, dann muss man natürlich wissen: Das Schlechte verfährt sich mit der Zeit im Gedächtnis und bleibt stecken. Zum Beispiel die furchtbaren Entbehrungen damals. Der Krauterer hat höchstwahrscheinlich in den Ferien in die Fränkische Schweiz fahren müssen, am Fahrradgepäckständer, und hat keinen Schimmer von einer Dominikanischen Republik gehabt. Oder von Florida.
Wie er einmal gehört hat, dass es in weiter Ferne angeblich ein sogenanntes Italien gibt mit einem blauen Meer dran, hat er auf die Frage, ob man da nicht auch einmal hinfahren könne, die Antwort erhalten: „Ner freili, middn Finger aff der Landkarddn.“ Ein erbärmliches Dasein, ersichtlich auch an: Null Erdbeeren im Winter, kein Wintersalat im Sommer, keinerlei erlesene Weine aus Chile, Kalifornien oder Australien, ganze Stunden, ja manchmal sogar Tage, Wochen ohne jeglichen Event, keine Air-Condition am Aborthaisla, wenig Wellness, keine Mega-Märkte nach Art der altgermanischen Wagenburgen rund um Dörfer und Städte. Stattdessen vor zur alten Hutzler mit der Milchkanne in der Hand – zu Fuß!!! Wie wenn zwei Füße auch eine Mobilität wären.
Es hat ein unbeschreibliches Elend geherrscht damals in der Kindheit des Krauterers. Gas geben hast du schon können seinerzeit, aber höchstens nach dem fragwürdigen Genuss von einem fünfmal aufkochten Sauerkraut mit dem Arsch. Also mit jenem Körperteil, den man inzwischen gern auch zum Denken heranzieht.
Mit ihm denken wir heute, dass nie wieder so ein Mangel herrschen darf wie damals – an tausend Kilometer langen Sattelschlepperschlangen, an zweiten und dritten Start- und Landebahnen, an Miles & immer More, an pfeilschnellen Panzerspähwagen, an Fucktory Outlets, an steil steigenden Wachsdummsraten, an einem 365 Tage pro Jahr währendem Sale, am finalen Frühling-, Sommer-, Herbst- und Winterschlussverkauf der Erde.
Es kommt ihm manchmal vor, wird dir der alte Krauterer am Seniorenspielplatz in der Südstadt vielleicht noch erzählen, als sei unser Denken ein großer Segen, beziehungsweise Sägen. Am nicht besonders dicken Ast, auf dem wir sitzen.
Und er denkt dabei an die ganz alten Zeiten mit dem schon erwähnten braunen Dreck, wo man danach betreffs Aushändigung seines Persilscheins gern gesagt hat, dass man von nichts was gewusst hat. Und jetzt ist es natürlich tröstlich: Nichtwissen hat gottseidank kein Verfalldatum. Es gilt auch, wenn wir dereinst unsere zubetonierte und zuerforschte und zukonsumierte und zumilitarisierte Erde mit einer gewaltigen Schubkraft im Hintern, dem sogenannten Urknall, verlassen und auf dem Mars beim Pförtner (nicht zu verwechseln mit unserem ins Hirn transplantierten Schließmuskel) auf den Persilschein und somit auf die Lizenz zum Plattmachen des nächsten Planeten warten. Da bin ich aber wahrscheins nicht mehr mit dabei, schließt der alte Krauterer vom Seniorenspielplatz in der Südstadt seinen kaum erwähnenswerten Vortrag, da befinde ich mich schon seit Lichtjahren auf der Fahrt ins Nirwana. Mit dem Finger auf der Landkarte.
Steht extra im Prospekt drin, falls man es nicht sowieso schon ahnt: „Der Nürnberger Johannisfriedhof vermittelt ein Stück abendländischer Kulturgeschichte.“ Zum größten Teil befindet sich das Stück abendländischer Kulturgeschichte dort, wo die vielen schönen Geranien und Rosen wurzeln, unter der Erde. Aber auch oberirdisch kann man die abendländische Kulturgeschichte am Johannisfriedhof studieren. Dort, wo sie von der Tapferkeit – einer sogenannten Tugend – kündet. An der Apsis der Johannisfriedhofskirche ist eine Tafel angeschraubt, auf der ist, vermutlich für die Ewigkeit, in der militärisch korrekten Dienstgradrangordnung eingeprägt: „Dem Andenken seiner toten Helden, siebenunddreißig Offiziere, zweihundertfünfundzwanzig Unteroffiziere, zweitausendeinhundertneunundsechzig Mannschaften in Dankbarkeit und Ehrfurcht, 1914 bis 1918. Mögen aus ihren Gebeinen dem Vaterland Befreier entstehen.“ Und daneben heißt es: „Für Kaiser, Reich, König und Vaterland.“ Und zum Schluss: „Möge die Nachwelt ihre Taten nie vergessen.“
Es wäre an dieser sandsteinernen Reklamewand der Firma Deutsches Reich & Heldenmut AG, noch viel Platz. Aber es hat sich bisher scheint’s kein Graveur gefunden, der weitere Gedenktafeln beschriftet hätte. Für getötete Frauen, Kinder, Säuglinge, keine für erfrorene alte Menschen, keine für Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in Nürnberger Rüstungsbetrieben, für Bombenopfer, keine Gedenktafeln für ermordete Juden. Was auch verständlich ist, denn Millionen und Abermillionen Gedenktafeln hätten ja an der Sandsteinwand der viel zu kleinen Johanniskirche gar keinen Platz.
Hauptsache, es steht dort geschrieben, für wen zum Beispiel die zweitausendeinhundertneunundsechzig Mannschaften erbärmlich krepiert sind, nämlich damals für Kaiser, Reich, König und Vaterland. Vermutlich mit einem verklärten Lächeln im Gesicht. Was jeden halbverwitterten Uralt-Gymnasiasten sofort an den schönen Satz gemahnt, den der römische Berufssoldat und Sprücheklopfer Horaz anlässlich eines vaterländischen Vollrausches zu Pergament gebracht hat: „Dulce et decorum est pro patria mori“ – Es ist süß und ehrenvoll, für’s Vaterland zu sterben. Den Leersatz, der in der Light-Version auch heute noch bei robusten Mandaten, wie der Krieg inzwischen bei uns lieblich heißt, immer wieder gern genommen wird, hat man hierorts bis in die späten sechziger Jahre des gottseidank vergangenen Jahrhunderts auswendig lernen und interpretieren müssen. Und wehe, man ist dabei zu dem Resultat gekommen, dass ein Bauchschuss, ein Granatsplitter oder sonst was Endgültiges unter Umständen unsüß, also bitter sein könnte.
Um wieder auf die schönen Gedenktafeln am Johanniskirchlein zurückzukommen – man findet dort, gewissermaßen im Namen Gottes, auch kein schriftliches Lob der Untapferkeit. Eine kleine Erinnerung an jene, die auf Kaiser, Reich, König, Vaterland, Führer und so weiter eines Tages gepfiffen und sich von der I. und II. Großschlächterei verabschiedet haben.
Einer von ihnen ist Ludwig Baumann. Er ist 1942 desertiert, kurz danach verhaftet und zum Tod verurteilt worden. Nach zehn Monaten in der Todeszelle hat man ihn zu 12 Jahren Zuchthaus begnadigt. Ludwig Baumann galt bis vor sechs Jahren in Deutschland noch als vorbestraft, erst 2002 wurden Deserteure rehabilitiert.
„Nun habe ich ja Diktaturen erlebt und erlitten, und deshalb ist mir Demokratie ein hohes, verteidigungswürdiges Gut. Ich glaube aber, was heute militärisch verteidigt wird, das nehmen wir oft gar nicht mehr wahr: Da sind ein paar reiche Länder – es sind unsere Länder – die über 70 Prozent der Schätze und Ressourcen unserer Erde verpulvern und sie damit zerstören, die die armen Länder ausbeuten und dort auch noch ihren Giftmüll abladen. Sie sind die Nutznießer dieser unmenschlichen Weltwirtschaftsordnung, bei der jeden Tag – auch heute – viele 10.000 Menschen qualvoll verhungern. Solange wir diese Verbrechen an der Erde und an den Menschen ‚verteidigen’, kann es keinen Frieden geben. Es ist ja ein Wahnsinn – wer im zivilen Leben einen Menschen umbringt, der ist normalerweise ein Mörder, wenn aber militärisch das Töten von Menschen befohlen wird, wird der Gehorsame zum Helden und bekommt einen Orden.“Diese Sätze des Ludwig Baumann über Mut und Unmut und abendländische Kulturgeschichte könnten auch an der Sandsteinwand des Johannisfriedhofkirchleins stehen. Aber es herrscht dort, wie erwähnt, Platzmangel. Und vielleicht auch Mutlosigkeit.
Ludwig Baumann ist Vorsitzender der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz ist; er ist 86 Jahre alt und lebt in Bremen. Mehr unter www.friedenskooperative.de
Und zwar haben wir schon seit einiger Zeit ein in uns schwelendes, ziemlich tiefliegendes Problem. Es is was faul im Staate Knochenmark, um es einmal mit Kotlett zu sagen. Beziehungsweise mit Hamlet. Früher, der Ding, der Shakespeare, der hat sich halt noch was getraut und tapfer den Finger, respektive sein vergiftetes Schwert in die offene Wunde gelegt. Aber heut? Nix! Kein Mumm, kein Moet, niemand wagt es, den Übeltätern endlich einmal voll in die Suppe zu spotzen. Niemand – außer einigen ganz wenigen Dichtern.
Zu ihnen gehört zum Beispiel der Magen-und-Darmkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag. Der weiß, wo uns der Schuh drückt. Nämlich am Gaumen. Es geht um geräucherten Stör mit marinierten Karotten und Anisbrot, es geht um Croustillant und Flan vom Hecht mit Topinambur und Apfelkompott, und es geht natürlich auch um Karamellroggenbrot-Eis und Hagebuttenmousse. Was immer das alles ist.
Aber der Reihe nach. Wir ham hier bei uns in Franken allein schon an die 1.500 Fernsehköche, die Tag und Nacht am Bildschirm immer bereits was für uns vorbereitet haben, dann Hunderttausende von Sommeliers, mützengekrönte Maitres, Abkochexperten, welche jährlich extra für uns Millionen und Abermillionen von Kochbüchern verfassen; Ayurveda-Kochbücher, Feng-Shui, Dscheng-Beng, Rohkost, Sanftkost, Arisch, Vegetarisch, Griechisch-Römisch, Nihilistisch, Altägyptisch, Katholisch und so weiter. Also Vielfalt, auch und vor allem am Hängebauch. Oder um es mit einem alten Schweinauer Sprichwort zu sagen: Auf einen Einheiz-Mampf is gschissn. Und zwar nicht nur fünf Stunden nach dessen Verdauung. Essen is Kultur, wie wir von den zu Tische liegenden alten Römern wissen, die bekanntlich nach jedem Gang majestätisch und vesuvartig gespeit und sodann wieder Platz gehabt haben für weitere kulturelle Feinheiten. Kunsthonig zum Beispiel.
Und nach diesem kleinen Ausflug in die Historie simmer also wieder bei jenen ursprünglich so schönen Dingen wie geräucherter Stör, marinierte Karotten, Anisbrot, Croustillant, Flan vom Hecht mit Topinambur und Apfelkompott, Karamellroggenbrot-Eis und Hagebuttenmousse. Mehr Vielfalt innerhalb eines einzigen Fressabends kannst du normalerweise gar nicht in so kurzer Zeit rausspeien. Also eigentlich die vielste Vielfalt überhaupt.
Aber was hat jetzt unser Restaurant-Kritiker, unser FAZ-Schließmuskeltrainer Furchtbares erleben müssen? Ein Gaumengemetzel sondersgleichen! Denn: Das „Anisbrot war viel zu hart getrocknet und übertüncht krachend alles, was man mit ihm zusammen im Mund hat“!!! Und: „Das Karamellroggenbrot-Eis und das Hagebuttenmousse könnte mehr Finesse beim Abschmecken und in den Details vertragen“. Das alles wär schon tragisch genug, aber es kommt noch schlimmer: „Beim Croustillant und Flan vom Hecht mit Topinambur und Apfelkompott fällt der Koch leider in den Bastelwahn der älteren Mainstream-Küche zurück“!!!!! Mainstream-Küche! Das is Hölle, Hades, Fegefeuer, Darm-Inferno.
Soviel also zu unseren gravierendsten Problemen des 21. Jahrhunderts in Franken und in Frankfurt am Mainstream.
Andere haben wieder andere Probleme. In dem Buch „Die neuen Herrscher der Welt“ von Jean Ziegler, Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission für das Recht auf Nahrung, heißt es: „Tag für Tag sterben auf unserem Planeten ungefähr 100.000 Menschen an Hunger oder an den unmittelbaren Folgen des Hungers.“ Und: „Alle sieben Sekunden verhungert auf der Erde ein Kind unter zehn Jahren.“ Und: „Die Zerstörung von Millionen Menschen durch Hunger vollzieht sich täglich in einer Art von eisiger Normalität – und auf einem Planeten, der von Reichtümern überquillt . . .“
Diesen Menschen in den Habenichts-Zonen, auf deren Kosten wir leben, könnten wir natürlich schon helfen. Indem wir ihnen erzählen, dass ein Karamellroggenbrot-Eis und ein Hagebuttenmousse beim Abschmecken und in den Details manchmal ein bisschen mehr Finesse vetragen könnten. Dann würden sie vielleicht nicht mehr an Hunger sterben, sondern sich tot lachen. Also die wesentlich humanere, kultiviertere Art von Sterbehilfe.
Mahlzeit, Klaus Schamberger
Kleider waren ja ganz früher überhaupts kein Problem. Zum Beispiel Adam und sein Schälrippchen von Gottes Gnaden, die Eva, waren vollkommen textilfreie und deswegen überaus glückliche Menschen. Das Blöde an Adam und Eva ist nur, dass es die zwei nie gegeben hat. Und drum: Kleider beim einzigen Wesen im Universum mit Intelligenz, beim Mensch, sind extrem kompliziert. Nicht nur in der Umkleidekabine beim Wöhrl, sondern auch sonst.
Nehmen wir nur einmal das Kopftuch. Gscheiter wär, wir nehmen es nicht. Weil ein Kopftuch ist bei weitem kein Stück Stoff am Kopf, sondern alles Mögliche, vielfach verwendbar. Es ist ein Symbol für die Unterdrückung der Frau, ein Symbol gegen die Unterdrückung der Frau, eine Flagge des Sexismus, ein Fanal gegen den Sexismus, ein Sakrament, kein Sakrament, ein religiöses Pflichthütchen, kein religiöses Pflichthütchen, ein Staubfänger, eine Wetterhex, vom Friseur manchmal dringend empfohlen, vom obersten bayerischen Gerichtshof seit ein paar Monaten dringend verboten. Eine verbeamtete Christin könnte es sich rumbinden, eine verbeamtete Muslimin auf gar keinen Fall. Und wer bis jetzt ein bisschen doof war und immer gedacht hat, bloß Stahlhelme drücken massiv aufs Hirn, der muss umdenken, falls er was zum Denken einstecken hat: Kopftücher muslimischer Herkunft drücken verfassungsgemäß ebenfalls aufs Hirn, und zwar vorzugsweise auf die Hirne von Schulkindern.
Das hat man schon vor längerer Zeit in Baden-Württemberg herausgefunden, und jetzt ist man auch in Bayern zum gleichen Forschungsergebnis gekommen. Auch in Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen sind Kopftücher was Grausames, das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, noch schlimmer als Baseball- oder Zipfelmützen. Nämlich ein Politikum!!!
Ein Schulkind, das mit dem Anblick eines Kopftuchs seiner Lehrerin gefoltert wird, ist für sein Leben gebrandmarkt. Da hilft nicht einmal mehr ein kirchlich beglaubigter Teufelsaustreiber. Der Satan hält es fest in seinen Krallen und lässt es nie mehr los. Auch kommt es später nicht mehr in den Himmel.
Wie es sich jetzt in den Ländern verhält, wo Kopftücher mit ausdrücklicher staatlicher Genehmigung getragen werden dürfen, weiß man wissenschaftlich noch nicht ganz genau, aber das sind sowieso die Achsenmächte, der Achse des Bösen zugehörig. Unter anderem USA. Dort kann man sich Kopftücher rumbinden. In Österreich auch, da herrscht seit dem Jahr 1912 völlige Kopftuch-Toleranz. Unter Umständen sogar Kopftuchpflicht für alle. Drum rennt der DJ Ötzi in der Öffentlichkeit immer mit einer Kopftuch-Variante rum, selbergehäkelter Klopapierschoner am Gniedlaskubf. Oder was ganz anderes: Wer hätt des denkt – in der Türkei ist das Kopftuch polizeilich verboten. Und bei uns in Bayern also umgekehrt.
Weltweit und in Bayern sind über das schwierigste Kleidungsstück aller Zeiten, das Kopftuch, innerhalb kürzester Zeit schon 100 000, wenn nicht Millionen und Abermillionen Blätter Papier vollgeschrieben worden, Waggonladungen voll Bücher, da befinden sich Heerscharen von Doktoranden, Professoren, Wissenschaftlern, Verfassungsrechtlern, obersten Richtern, Verfassungsschützern, höchsten Politikern in erregten Diskussionen in gravierenden Auseinandersetzungen, manchmal sogar mit Hilfe von Schusswaffen. Und zwar deswegen, weil das Kopftuch, wie jeder weiß, gottseidank das größte, drängendste Problem unserer aller Existenz bildet.
Und um jetzt wieder auf unsere menschliche Intelligenz zurückzukommen: Von einer Diskussion in der Tierwelt, ob ein verbeamteter Haubentaucher eine Haube tragen darf, ist weit und breit nichts bekannt. Daraus erkennen wir sofort, wie brunsdumm die Tiere sind, im schroffen Gegensatz zu uns Menschen.
Klaus Schamberger
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