Straßenkreuzer

Das Sozialmagazin

Schreibwerkstatt

Freude an Texten – die Schreibwerkstatt

In jedem Heft gehören zwei Seiten der Schreibwerkstatt.
Hier kann jede und jeder mitmachen, der gerne schreibt, Freude an frischen Themen und gemeinsamen Aktionen hat. Regelmäßig treffen sich Verkäuferinnen, Verkäufer, Wärmestubenbesucher und andere Bürger in der Redaktion, um Themen zu erarbeiten und Texte zu schreiben. Namhafte Illustratoren setzen die Ergebnisse ins richtige Bild.
Termine bitte in der Redaktion erfragen! Telefon 0911/4597636

Hier auf der Online-Seite der Schreibwerkstatt finden Sie aktuelle Texte aus der Schreibwerkstatt, aber auch Beiträge, die im Magazin aus Platzgründen entfallen mussten oder dort nur in gekürzter Form abgedruckt sind.


Haarige Vorurteile

Wäi a Engerla“, hat die Oma bei seiner Geburt gestrahlt, obwohl er weder Flügel noch eine blonde Mähne, sondern kein einziges Haar auf dem Kopf hatte.
Locken ringelten sich da oben erst, als er ein Bub war.
Der Opa runzelte die Stirn. „Der schaut ja aus wäi a Madla.“
Später, in der Schulzeit, hat ihm die Mutter einen Topfschnitt verpasst. Da hat er gefunden: Ich schau aus wäi a Depp.
Da ließ er sein Haar zu langen Strähnen wachsen. Das passte nun wiederum dem Vater nicht: „Pfui Deifl, wäi a Hippie.“
Beim Bund kam der zottelige Teppich runter. Über seine Bürste war seine Freundin nicht erfreut. „Allmächd, suu an gschduzzdn Igel mooch iich fei ned!“
Er hat sich als Punk und Popper versucht, die Haare zu Dreadlocks verfilzt, ein Lagerfeld-Schwänzchen getragen. Entsetzlich fand man auch den Afrolook: „Du liebe Güte, du bist doch ka Schaf!“
Der pinkfarbene Irokese brachte ihm genauso wenig Zuspruch wie die Elvis-Schmalztolle. Ob Zick-Zack- oder Popo-Scheitel, mit Pony oder Hare Krishna-Zopf, keinem konnte er es recht machen.
Er ließ sich einen Vollbart wachsen: noch mehr Haare, noch mehr Vorurteile!
Dann wurde er grau. „Etz schaust aus wäi a alder Moo!“
Und endlich, endlich fielen sie ihm ganz aus.
Auch wenn sie ihn gelegentlich Platten-Toni oder Kojak nennen, egal, jetzt gibt es wenigstens keine Haarspaltereien mehr.

Martina Tischlinger


Noch’n Jedicht übern Frühling

Schneeglöckli spitzn ausm Boden raus,
i glaab etz is der Winter aus!

Krokusse und Märzenbecher,
da schau, etz wächst is Gras aa hächer!

Iber Nermberch weht a lindes Lüftla,
Blumma verbreitn ihre Düftla.
Knospm sprießn gree am Bamm,
Rodfohrer sinn widder aufm Damm!

Die Fraa stäiht vor ihrm Klaaderschrank –

etz konn mer kaafm – Gott sei Dank.
A neis Kostümöa mou etz her,
aa a neis Blüsla, bitte sehr.

Die dunkln Farbn wern abglöst von hellen,
der Wöhrder See schlägt widder Wellen,
die Vögel kumma widder vo Süd,
mer is morgens nimmer so müd.

Im Tiergartn kumma aff d’Welt die Junga,
mir homm etz Frühlingslieder gsunga.
Der Bauer gäit etz naus aufs Feld,
wäih vill schönner werd die Welt!

Ilse Schönleben (Dichterin und Königin zu Muggenhof)


Liebe geht durch die Küche

Wenn man heutzutage bei einer Zuckerschnecke landen will, muss man als Mann fantasiereich sein. Denn heute glänzen die Augen einer Frau, wenn einer im Samba-Rhythmus Kartoffeln hackt und ihm der Schneebesen besser in den Fingern liegt als der Schaltknüppel von seinem getunten Golf GTX. Und genau da will der Konny mit seinen Verführungskünsten bei der Marianne ansetzen. Aber nicht, dass Sie glauben, er will mit einer „Bägglas-Subbn und lumberde Fischstäbla“ um Mariannes Gunst werben. „Aweng wos Französisches mous scho sei!“
Schuld dran, dass der Konny einen kulinarischen Purzelbaum schlagen muss, sind einzig und allein die Fernsehköche! „Und sie gebms ja ned amol zu, die Frauen, dass sie ba denne Meister der flambierten Schouhsulln und in Bockbier gschwenkte Hühnerbrüstla weniger der Schweinskopf in Beaujolais in fanatische Verzückung versetzt als dem Schubeck sei Baichla, in Zacherl sei Spitzbärtla und in Lafer sei Nosn. Dabei is doch gor niggs dabei, wenn mer a Stüggerla vo irgendwos mit aweng am Bisserla vo sunstnuwos in a Pfanner schmeißt. Drei Bröggerla af a surfbrettgroße Platten glechd, fümbf Bemberla links davo, a Blättla Rucula omer draf, an Schbruzer Soß scharf am Tellerrand vorbei – und fertig!“
Ganz wie die Star-Bruzzler will er’s machen, und dann sein verwegen-mutiges Gourmetgemetzel „Boeuf à la Hechtlhuber an bunter Frühlingswiesn“ nennen. Hechtlhuber heißt er nämlich, der Konny.
In Überschätzung seiner bisher auf Spaghetti mit Tomatensoße und Spiegelei mit Bratkartoffeln begrenzten Feinschmeckerei, schaut dem Konny sein Koch-Traum jedenfalls so aus. Aber Sie können sich’s vielleicht vorstellen, dass seine Fünf-Sterne-Koch-Karriere nur unter einem Stern gestanden ist: Unter kann goudn!
„Trotz tagelangem Koch-Telekolleg hot mei Ego scho allanz bam Gmäisputzn an Treffer abgräichd: Do hängst fei ganz schee dro, wennsd die halbe Ernte vom Knoblauchsland in Würfla schneiden moußt! Und wennsd ned afpasst wäi a Heftlersmacher, nou brennt su a Schdüggla Rindvieh schneller in dein Duubf nei, als du des Wort Schmorbraten ausgschbrochn host.“
Doch über den schnittwundenlädierten Daumen gepeilt: Endlich, nach drei Stund, schwimmt das Boeuf zufrieden in seiner Gmäisbräi rum! „Am Gschmoog mäißerd iich nu aweng ärberdn …“
Die Marianne strahlt – ein Strahlen, das sonst nur der Mälzer übers weibliche Antlitz huschen lässt. „Af an Gmäis-Einduubf, do steh ich fei voll draf!“
Sie hat nur wenig davon genascht, wollte lieber gleich „aweng afs Sofa nieber“.
Und niemals hat der Konny erfahren, ob es an seinen Kochkünste oder an seinen blauen Augen lag, dass es bei der Marianne funkte. Des wor ihm, so gesehen, a völlich worschd!

Martina Tischlinger


Starke Schulter

In der Metzgerei. Verkäuferin: Was darf’s denn heute sein?
Kundin: Eine Kalbsschulter bitte.
Verkäuferin: Soll ich sie in Stücke schneiden?
Kundin: Nein! Bitte unbedingt ganz lassen. Ich bin jetzt Witwe und brauche etwas Jüngeres zum Anlehnen.
Eva Trammer


In Erinnerung an Rinderwahn

Mei worn des nu schäine Zeid’n,
wäi mer bruzzdl’d hom mid Freid’n,
Gulasch, Gniedla und Roulod’n,
aa an zord’n Sauerbrod’n.
Und däi wundervoll’n Sibbla
Aas am fedd’n Rinderribbla,
däi wor’n jede Woch’n Mode,
wall mer sachd, däi homm scho Dode aas’m Jenseits auferweggd.
Doch edz simmer suu derschreggd:
Rinderwohnsinn huld uns ei!
Soll des unser Zukunfs sei?!
Wenn ii denk an unsre Kinder
Mei! Do grausds mi vur däi Rinder!
Obber wos nu mie bedriffd,
ess ichs Rindviech aa mid Gifd!
Denn i hob mi kundi gmachd,
und do hod mer eili gsachd,
bis ii wergli in Gefohr,
kooh’s nu dauern zwanzich Johr!
Mei bin ii do fein heraus,
nix machd mir der Wohnsinn aus.
Denn in zwanz’g Johr fress i schließli,
längsd vo und’n Gen-Radiesli.
Emma Mayer


Der Angler

Norbert war ein Mann der Superlative. Als er in seinem Bekanntenkreis erfuhr, welch herrliche Sache das Angeln sei und welch riesige Fische ein jeder schon aus dem Wasser gezogen hatte, wuchs auch in ihm das Verlangen, ebenfalls zu angeln und es all diesen Stümpern zu zeigen, zu welch großem Fang er fähig sei.
Sein Weg führte ihn sogleich in das vornehmste Sportgeschäft. Hier hatte er nur einen Blick für die längste Angel aus bester Glasfiber, versehen mit einer riesigen Trommel. Ihn störte nicht, dass dieses Monstrum eigentlich zur Hochseefischerei gedacht war. Natürlich brauchte er auch den größten Haken, den schönsten Schwimmer und den riesigsten Wurm, eine spezielle Züchtung, fast so groß wie eine Blindschleiche. In einem kurzen Speziallehrgang musste ihm der Händler noch das Auswerfen der Angel beibringen. Der Preis für seine Ausstattung und Ausbildung spielte keine Rolle und so verließ er stolz und zufrieden den Super-Angelladen. Eine Anglerlizenz für einen Tag war auch schnell beschafft und ab ging es an den Fluss, an dem schon die anderen Anglerspießer ihre Würmer badeten. Voll Stolz und geübter Pose zeigte er den grünen Jungs, was ein richtiger Angler ist. Er schnappte seine Hochseeangel aus dem Kofferraum, baute sie demonstrativ zusammen, piekste seinen Riesenwurm auf den Haken und schleuderte den Köder um Längen weiter in den Fluss als alle anderen Kollegen. Diese bestaunten und belächelten den Hochseeangler an der Pegnitz. Während er nun in sehr aufrechter Haltung auf dem Klappstuhl hockte und verbissen, aber vergebens auf ein Zucken wartete, zogen links und rechts die Nachbarn immer wieder Karpfen, Schleien und Hechte in den verschiedensten Größen an Land. Mit Naserümpfen und hochmütigem Augenaufschlag registrierte er die freudigen Ausrufe der kleinen Angler. Stunde um Stunde starrte Norbert wie versteinert auf seinen bunten Schwimmer, der sich langsam dem Ufer genähert hatte. Er sah, wie so mancher kleine oder mittelgroße Fisch seinen Riesenwurm ängstlich umkreiste. Gerne hätten die Fische zugebissen, wären sie nur mit dem entsprechend großen Maul ausgestattet gewesen. Trotzdem war Norbert ganz froh, dass keiner dieser mittelmäßigen Fische anbiss, denn von diesem Format wurden ja rechts und links schon genügend erbeutet und er wartete ja letztendlich auf den Superfisch.
Ein Angler nach dem anderen verstaute inzwischen seine Beute, steckte seine Angel zusammen und machte sich mit einem genüsslichen „Petri Heil“ zu Norbert gewandt auf den Nachhauseweg. Da hockte er am Ende ganz alleine und ganz starr bis in die heraufziehende Abenddämmerung. Die wollte er noch abwarten, denn zu diesem Zeitpunkt bissen bekanntlich die prächtigsten Exemplare. Nach einiger Zeit konnte er seinen Schwimmer im Schatten des schaukelnden Wasser kaum mehr erkennen. Er gestand sich ein, dass er heute ungemein großes Pech gehabt hatte. Dennoch war er nicht unzufrieden. Denn er musste sich nicht mit einem Durchschnittsfisch, wie seine Kollegen, abfinden.

Horst Haßlinger


Die Agnes und ihr Bägla

Alle Jahre wieder, in kindlicher Vorfreude auf das nahe Weihnachtsfest, marschiert die Agnes mittenrein in den Sommerschlussverkauf. Kauf mich, rufen sie, betteln förmlich, nimm mich, die unverzichtbaren Dinge, wie der elektrisch betriebene Schneekugelrüttler, der handgewebte Fensterbrettschonbezug, die essbaren Ohrenschützer mit Rostbratwurstaroma und die aufblasbare Salatschleuder.
Im September durchkämmt sie die Schnäppchenmärkte, wenn die Blätter fallen, stecken sie ihre Arme in Wühltische, und beim ersten Flockenfall hat sie ihre Weihnachtsgeschenke zusammen. Durch den rechtzeitigen Erwerb ihrer Gschenkla hat sie sich den Luxus verdient, die Adventszeit mit hochgelegten Beinen zu genießen, und denen, die sich kurz vor Weihnachten durch die Kaufhäuser prügeln, eine lange Nase zu ziehen.
Doch wenn das erste Lichtlein brennt, hat sie längst vergessen, für wen die Weißwurstabpellzange, die Teebeutelabtropfhilfe, die magnetischen Huusnträger, der auf Pfiff beheizbare Outdoor-Büstenhalter, das muhende Milchkännchen und der Badewannentaucherschnorchel mit Anker gedacht waren und – vor allem –, wohin sie ihre Bäggla verräumt hat. Denn die Agnes hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, ihre Präsente an Orte im Haus zu verstecken, wo sie nie jemand vermuten, gar finden würde. Auch die Agnes nicht.
So geht es ihr auch mit dem Weihnachtsschmuck, der sich, wie von Geisterhand bewegt, in Eckerla im Haus verkrümelt hat, von denen die Agnes gar nicht wusste, dass es die gibt.
„Jeds Joahr bagg iich in Rauschgoldengel in a Schächterla und dounern affn Dachbuudn naaf. Des waaß ich gewiieß.“ Aber das beflügelte Kind hat sich aus dem Staub gemacht. Die Agnes stöbert im Keller, gräbt den Dachboden um, krabbelt unters Bett und auf die Leiter. Wenigstens hat sie einige Weihnachtsgeschenke aufgespürt: Das Überlebenstrainingsset mit Hosengummirückholhaken für den Onkel, den Damenbart-Mini-Epilierer für die Oma, den rülpsenden Kronkorkenheber für den Opa und einen Einweg-Flohzirkus für ihrn Mo.
Schluss ist’s mit der Besinnlichkeit, als sie beim Abzählen der Geschenke feststellt, sie hat mehr Verwandtschaft als Bäggla. Ihr Vorhaben „Ich gäih blouß gschwind in die Stadt nei“ artet in einen mehrstündigen Marathon durch die Fußgängerzone aus, den sie in den nächsten Tagen fortsetzt. Verständnislos für die Rücksichtslosigkeit der Menschen, kickt sie mit den Ellbogen ein paar Konkurrenten am Ramschtisch mit den Spritzschutzgummistiefelüberziehern im Familienpack und den handrollierten Putzlumpn mit Monogramm aus dem Rennen.
„Abber nächstes Joahr fang iich noch früher mit die Weihnachdsgschenke an“, schwört sich die Agnes, noch nicht wissend, dass das überflüssig ist, denn spätestens beim Ostereiersuchen wird sie die musikalische Klobrille, die „Süßer die Glocken nie klingen“ dudelt, die selbstreinigende Bio-Unterwäsche, den Mandarin sprechenden Nussknacker, den Linkshändertopflappen, die alkoholfreien Cognacpralinen und die Kuchenbackform mit dem Motiv „Achtspurige Autobahn“ Stück für Stück wieder finden.
Martina Tischlinger


Rhön

Ende der Fünfziger, Hochsommer „in der Rhü“ (Rhön) in einem verschlafenen Dorf. Mutter hatte beschlossen, zur Erntehilfe bei den dort lebenden Verwandten anzureisen, und wenn Mutter was beschloss, gab’s kein Pardon. Ich ahnte Ungemach: Buttermilch und Malzkaffee, Rauchfleisch und Erbsen, Misthaufen und Muggenfänger, Rußtöpfe und eingebrannte Pfannen. Und nächtlich Zentnerbetten.
Mürrisch packte ich meinen Koffer und mürrisch bestieg ich den Zug in die „Neuscht“ (Bad Neustadt) und dann den Bus ins Dorf. Dort stand dann auch schon eine Großfamilie an der Haltestelle und jubelte uns zu, es war fast wie beim Empfang der Fußballweltmeisterdamen.
Meine Hoffnung trog, mich öfter mal in die herbschöne Landschaft verdrücken zu können, denn die hartgesottene Bäuerin hatte uns schon verplant: Mutter für den Hausputz und die Kocherei, mich für den Abwasch in der Küche und die Wäsche. Im großen Haus im langen Flur stand ein Ungeheuer von Waschtrog, in dem versank ich samt Waschbrett recht schnell nach dem Begrüßungstrunk bis zu den Ellbogen in der Sunlichtseife und unzähligen Socken und sperrigen Ungetümen.
Das blieb auch der Nachbarschaft nicht verborgen. Die Kunde von der „Waschfrau aus Nürnberg“ beflügelte offensichtlich die Dorfgemeinschaft: Schon am dritten Tag drückten sich Nachbarskinder, schmutzige Kleidung schleppend, ins immer offene Haus. Der Berg unerbetener weißer und bunter Wäsche und ihr Angriff auf meine Geruchsnerven wuchsen und wuchsen, und wenn ich Pech hatte, ging auch schon mal der Stöpsel baden und mit ihm meine Füße im trüben Gequatsche.
Erbost stürmte ich zur Bäuerin. Doch mein Protest ertrank wie die Wäsche im Trog in deren trotzigem Gegenargument: „Vu der Josepha gabraucha mir in Tiefkühlschrank, vom Euchar in Mähdrescher, vum Paul is Mofa, vu denna däss, vu denna jens.“ Da erst begriff ich ... und versank resigniert wieder in der Lauge, erleichtert im Wissen um die baldige Heimkehr. Dabei beglückwünschte ich mich zu meiner Nürnberger Nachbarin, bei der wir jeden Freitag im neuen Schwarz-Weiß-Fernseher den Krimi schauen durften, und das ganz zollfrei.
Wer verdenkt’s mir, dass ich heute immer noch beim Füllen meiner Waschmaschine an ein kleines Dorf voll zäher Socken denke und mir dabei die Nase putze?

Emma Mayer


Deutschunterricht

Der körperliche und seelische Verschleiß innerhalb eines Arbeitslebens ist völlig normal und nichts Außergewöhnliches. Einigen wenigen muss es daher schon fast wie ein Lotteriegewinn vorkommen, wenn sie’s ohne größere Blessuren bis in den Ruhestand schaffen. Für viele reicht der erste Beruf, den sie erlernten, nicht aus. Weil eine gesundheits- oder wirtschaftsbedingte Neuorientierung vonnöten war. So manch einer braucht einen zweiten oder gar dritten Anlauf, bis er den Beruf hat, mit dem er bis zur Rente hinkommt. Man begibt sich also in eine Institution, die einem das Arbeitsamt vorschlägt, um einen neuen Beruf zu erlernen. In jenen Einrichtungen ist man allerdings kein Lehrling oder einfach ein Mensch. Sondern man ist ein Mensch mit einem Handicap. Ist einer, der einen Bandscheibenvorfall hatte, behinderter als einer, der an Depressionen litt? Den Ausbildern gelang es in beeindruckernster Weise, in den Wunden der „Gehandicapten“ herumzustochern. Ein seltsamer Drill herrschte von Anfang an. Die Begeisterung schien anfangs grenzenlos zu sein. Die meisten ließen sich dann auch noch dermaßen beeindrucken, dass man hätte meinen können, die oberste Riege Europas Top-Manager warte nur auf uns. Nur mit uns weltmännisch gehandicapten Dressmen und frisch eingepuderten und parfümierten Landpomeranzen und grazilen Wuchtbrummen sei die Wende nach der Wende möglich. Die Mädels im feschen Kostümerl und die Herren mit Krawatte bitte. Ist das alles?
Frau Ausbilderin YX, Ihre sogenannte Sonnenseite des Lebens, die Sie mir ständig unter die Nase rieben, langweilt mich zutiefst. In aller Regelmäßigkeit schrieb ich Dreien und Vierer reihenweise. Für den Aufwand, den ich betrieb, schon enorm. Und wenn ich`s mal wirklich vermasselte, versprach ich euch vollmundig: Das nächste Mal wird’s bestimmt ein Einser. Obwohl die schon eher die seltene Ausnahme waren und davon abhingen, in welcher Gemütsverfassung ich war und welche Informationen ich zu welcher Tageszeit zu mir nahm. Die Bildzeitung zum ersten Kaffee. In der Mittagspause die Süddeutsche. Nach einem ordentlich durchzechten und mit allerheftigstem Liebeskummer durchtränkten Abend, konnte ich mich manchmal doch noch aufraffen, gegen 3 Uhr morgens in den Büchern zu lesen. So verhielten sich meine gesamten Prüfungsvorbereitungen. Statt der „Handicap“-Liga, hätte mir die „normale“ Liga vollkommen genügt und wäre bei weitem die größere Herausforderung gewesen. „Verdammt noch mal, passen Sie sich endlich an“ oder „Du passt halt nicht in dieses System“, waren Etikettierungen, die ich als 18-Jähriger stolz vor mir her getragen hätte. Aber als 30-Jähriger spricht man dir so nur Persönlichkeit ab. Der bisherige Lebensverlauf wird als „abgespaced“ abgetan. Es wird dir von vornherein vermittelt „nur, wenn du unsere Hilfe annimmst, wird aus dir mal ein Großer“. Eigentlich hatte ich nur vor, eine Ausbildung zu beginnen und zu beenden. Und nicht der beste aller Gehandicapten zu werden. Nachdem ihr mich rausgeschmissen habt, vier Monate vor dem legitimen Ende, mit der fadenscheinigen Begründung „Der schafft die Abschlussprüfung nie“, ging alles Knall auf Fall. Andere Dinge wurden berechtigterweise wichtiger. Und ich las noch seltener in den Büchern, die ich eigentlich lesen sollte. Nachdem ihr mich rausgeschmissen habt, hab ich mich trotzdem zur Abschlussprüfung angemeldet. Bestanden hab ich sie auch ohne euch und eure suboptimale Hilfe. Zwar mehr schlecht als recht, aber wen juckt das schon in 10 Jahren. Ich mach jetzt erst mal Karriere. Und wenn ich mal groß und stark geworden bin und laut eurer Definition auf dieser seltsamen Sonnenseite des Lebens stehe, dann kauf ich eure lächerliche Bruchbude auf und schmeiß euch alle raus. Dann finanzier ich euch erst mal einen Deutschkurs, der es in sich hat. Damit ihr das Alphabet des Lebens lernt. Wie mein Onkel Alfred immer sagte: „Junge, was der Hans lernt, davon wagte das Hänschen nie und nimmer zu träumen.“

Roger, nach einer sehr wahren Begebenheit


Martin Behaim am Theresienplatz

Achtlos gehen sie oft an dir vorbei, du Patriziersohn, Seefahrer, Wissenschaftler und Entdecker. Seit 1890 stehst du als Bronzeguss auf einem Sandsteinsockel. Kriege hast du überstanden, und sogar den Schabernack, den wir als Kinder mit dir getrieben haben. Um eine bessere Aussicht zu haben, sind wir rauf auf deinen berühmten Erdapfel geklettert. Das mag dir sicher nicht gefallen haben, aber du hast nie gemurrt.
Die Erwachsenen waren, und sind heute, auch nicht vorbildhafter. Regenschirme, auch ein Hula-Hoop-Reifen hingen an deinem Arm. Du musstest einen Florentinerhut und eine Weihnachtmannmütze tragen, einmal haben sie dich sogar mit einem Adventskranz gekrönt. Bis Anfang März werfen sie dir ihre ausgedienten Christbäume vor die Füße. Und der Frühling und seine Liebespärchen…, da drückst du schon mal ein Auge zu. Aber du sollst ja auch kein Kind von Traurigkeit gewesen sein. Unter deinem Blick, der starr, doch majestätisch ist, wird in Zeitungen geblättert, diskutiert und geschwatzt, ein schneller Kaffee aus einem Pappbecher getrunken. Tauben gurren an dein Ohr und so mancher Hund hebt mal sein Bein.
Du hast die Welt erkundet. Aber was magst du alles am Theresienplatz erlebt haben?

(Martin Behaim 1459 – 1507)

Martina Tischlinger


Matschige Matjes

Ich erdreiste mich, meinem halbwüchsigen Enkel zum Abendessen „Matsches“ zu offerieren. Er zieht Grimassen und ich fürchte, er mag diese zarten Viecher nicht. Fehlanzeige. Was er nicht mag, ist schlicht meine Ausdrucksweise. „Matjes heißt das und wird auch so ausgesprochen!“, belehrt er mich, und die jüngere, noch siebengescheitere Schwester fragt mich sofort nach meiner Deutschnote. Ich verteidige meine „Matsches“, erinnere an meinen Einkauf am Fischstand. Kein Mensch verlangte da was anderes. Um abzulenken, frage ich nach dem Kurzurlaub in „Fenedig“.
„Wenedig!“, haucht sofort der Große. Und die Kleine fügt listig an: „Ist das dort in der Ecke eine Fase oder eine Wase …?“
Muss ich mich schämen, in Franken aufgewachsen zu sein? Ein bisschen wehmütig erinnere ich mich an meine erste Liebe Mitte der „Vierziger“. Er war mein Chef aus Hannover und sprach so schön hochdeutsch, für mich der Inbegriff der Intelligenz. Das schon genügte, mich zu verlieben. Nicht einmal seine fürchterlich wirren Schachtelsätze beim Diktat machten mich misstrauisch. Erst später sein Weinkonsum …
Salziger als Matsches je sein können, reagierten teilweise Verwandte oder Freunde auf meinen Start als „Die alde Nembercherie“ bei den Spätzündern von Radio Z. Dabei tat ich das bewusst in der Erkenntnis, dass man im Dialekt den Schnabel weiter aufreißen darf, dass die Feder weniger giftelt als in geschliffenem Hochdeutsch. Ironie kann da fast zur Zärtlichkeit geraten.
An jenem „Matschestag“ rückte ich den Disput zurecht: „Ihr armer Bälcherla! Di saudummer Buddla seid ihr, waller eich ka andre Oma aas’m Inderned rausgsuchd hobd!“
(Für Nicht-Nürnberger: Buddla sind Hühner)

Emma Mayer


Wir sind nicht sprachlos!

Die Sprache verrät so ziemlich alles von mir
Und das nicht nur in Deutschland hier.

Es spricht in Bänden auch die atemlose Stille,
sie lässt sich auch steuern mit eisernem Wille.
Das gilt sogar beim leisen Raunen,
bei völliger Sprachlosigkeit und beim Staunen.

Und ob du jetzt mit Wutgeschrei
Dich ärgerst, das ist einerlei.
Die Sprache ist ein individuelles Mittel,
auch wenn du sprichst nur zu einem Drittel.

Reden ist Silber
Schweigen ist Gold

Das ist Wahrheit seit Jahrzehnten
Und lässt sich niemals widerlegen.

Inge Tusjak


Eigenanbau

Es ist einfacher, in den Supermarkt zu gehen,
als Gemüse im eigenen Garten wachsen zu sehen.
Da ist der Einwand auch ganz richtig,
für jede und jeden ist kein Garten da, auch das ist wichtig!

Das mit der Selbstversorgung ist so eine Sache,
und es sind jährlich viele Gärten in der Mache,
damit dem Bürger es an nichts fehle,
was er benötigt für seine Kehle.

Damit das Leben gut verläuft
und unsere Umwelt uns begreift,
soll jeder auf den Nächsten achten
und weder Verschwendung noch Notzeit pachten.

Da bleibt nur zu hoffen und nicht zu ruhn,
bis alle für unsere Umwelt etwas tun,
damit von Bodenschätzen und Energie noch etwas bleibt
und unseren Enkeln nicht nur Tränen in die Augen treibt!

Die Selbsthilfe ist jetzt so nötig wie in früheren Zeiten
und wir sind alle aufgerufen unsere Zukunft mit zu bereiten!

Inge Tusjak


Der Weg war für die Katz

Der Ochs auf der Fleischbrücke hätte es ihm vielleicht sagen können, aber der Tourist fragt ausgerechnet mich, die rechts und links nicht unterscheiden kann.

„Könnerdn Sie mir helfen, ich suche die Fischergasse? Aber net die mit V, sondern die mit F. Nicht die Peter-Vischer-Straße…“ „Angenehm, Herr Fischer“, falle ich ihm ins Wort und erkläre ihm, wo die nächsten öffentlichen Toiletten sind – das wollen Touristen generell von mir wissen.
Der Herr Fischer sagt, dass er gar nicht Fischer heiße. Er suche die Fischergasse, die mit F.

Vuur anner Stund hod miich a Moo zur Spitalbrüggn gschiggd. Und vo dou mäins dann nach rechts odder nach links.“

Dank dieser Auskunft steht der Auswärtige nun am Hauptmarkt. Er erzählt mir was von einer Katze, die er dort kaufen will und brabbelt mir noch mehr ins Ohr, das ich gar nicht wissen will. Aber ich hab’s kapiert: „In die Kartäusergasse wolln Sie!“ Ich schüttle den Kopf. „Abber, glaubmsmers, da bin ich miir so goud wie sicher, da sin Sie etz völlich falsch.“

„Kartäuserkatze, nicht Kartäusergasse!“, jappst er, aber ich ignoriere seine wilde Geschichte. Auch wenn ich vielleicht keinen guten Orientierungssinn habe, für halbwegs ortskundig halte ich mich doch. Kurz entschlossen schicke ich ihn: „Gradaus, dreimol um die Kurvn rum und dann scharf links.“

Hintennach komme ich ins Grübeln. Nach rechts hätte ich ihn schicken müssen - oder auch nicht. Zu Hause schaue ich in meinem Stadtplan nach, der allerdings von 1974 ist und von dem der Zahn der Zeit halb Wöhrd, das Prinzregentenufer und die Insel Schütt samt näherer Umgebung aufgefressen hat. Aber selbst wenn mir die Gasse des Herrn Fischer nicht entfallen wäre, wahrscheinlich hätte ich sie gar nicht gefunden – denn immer die Straße, die ich suche, liegt genau in einer Falte.

Hin oder her, am Abend treffe ich den sympathischen Menschen wieder. Er sieht gar nicht gut aus und murmelt apathisch vor sich hin: „In die Fischergasse die mit F und dann will iich blouß nu hamm nach Färdd.“

Na endlich kommen wir auf einen Nenner! In Fürth kenne ich mich zwar nicht so gut aus wie in Nürnberg, aber in die Fürther Straße schicke ich ihn ohne nachzudenken: „Vom Rathaus zum Plärrer und dann froagns halt nu amol.“

Sollte Ihnen aber in den nächsten Tagen ein Herr über den Weg laufen, der nicht so recht weiß, wohin er will, grüßen Sie ihn herzlich von mir: Er wird seinen Weg schon finden, notfalls mit einem Stadtplan der nicht vom alten Max ist.

Martina Tischlinger

(Die Fischergasse verbindet den Hübnersplatz mit dem Fußweg an der Pegnitz und ist auch in einem neuen Stadtplan kaum zu finden.)

Der Knast als Hilfe zur Selbsthilfe

Es war im September 2004, als an einem Sonntagnachmittag die Polizei bei mir vor der Tür stand und meinte, sie hätten einen Haftbefehl wegen einer noch nicht bezahlten Geldstrafe. Ich musste also die Geldstrafe in einer achtwöchigen Haftstrafe in der JVA-Außenstelle in Lichtenau absitzen. Das war natürlich erst mal ein Schock, ich lebte ja erst seit etwa zehn Wochen in Nürnberg, war gerade dabei mir eine neue Existenz zu schaffen. Im Nachhinein muss ich aber sagen, dass mir nichts Besseres passieren konnte. Ich fand Kontakt zu zwei Menschen, zu denen ich Vertrauen fasste und zu denen sich eine Freundschaft, die heute noch besteht, entwickelte. Der eine erzählte mir von der Straßenzeitung „Straßenkreuzer“ und meinte, er wolle mich doch mal mitnehmen in die Schreibwerkstatt.
Ich war zwar noch skeptisch, dachte mir aber, es kann nichts schaden, hab doch dabei nichts zu verlieren. Wir trafen uns nach Verbüßung der Strafe wieder, und an einem Donnerstag ging ich mit in die Schreibwerkstatt. Weiß nicht mehr, wie viele Leute da waren, aber es war ein bunter Haufen Männlein und Weiblein verschiedener Altersgruppen. Es ging locker zu bei Kaffee und Mineralwasser. Jeder sprach offen über seine Erlebnisse oder seine Probleme. Für mich beschloss ich, da gehst du wieder hin. Jetzt bin ich gut zwei Jahre dabei, verkaufe jetzt auch seit geraumer Zeit den Straßenkreuzer und schreib auch hin und wieder mal einen Artikel in der Rubrik „Schreibwerkstatt“. Durch den Verkauf der Zeitung kann ich mir etwas mehr an Lebensqualität bewahren.
In diesem Sinne muss ich mich wohl bei der Justiz bedanken, dass sie mir diese Möglichkeit eröffnete.

Carlo


Denner wer me scho helfn

Passiert ist es am Nachmittag vorm Pokalspiel 1. FCN-Eintracht Frankfurt. Ich stehe so belanglos in der Nähe vom Hauptmarkt und schaue mir das bunte Treiben der Menschen an. Dann passiert es. Vier bierwankende Menschen in schwarzen Trikots kommen auf mich zu und fragen: „Kannst du uns sagen wie es zum Stadion geht?“

Allmächd, hob ich mir denkt, die kummer groud recht, ich als bekennender Offenbacher FC- und FCN- Fan (ja, das gibt es). Ich hob gsacht, do nauf, U-Bahn Lorenzkirche einsteigen bis nach Färrd Hauptbahnhof fourn und dann in Bus Ronhof einsteigen. Dann sind’s losglatscht.
Ganz leis hob ich vor mir her gsunga: „Aber eins, aber eins das bleibt bestehen, die vier werden ihre Eintracht heut nicht sehen.“

Bertram Sachs


Auf gute Nachbarschaft

Bei uns im Haus wohnt ein Ehepaar, bei dem der Mann Alzheimer hat. Manchmal verläuft er sich im Treppenhaus und klingelt bei uns, weil er glaubt, er wohnt da. Wir bringen ihn dann immer nach Hause und seine Frau freut sich sehr.

Ruth Veth


Leonardo sucht den Regenbogen

Das neue Baby muss „Leonardo“ heißen,
dann wird es ein Genie;
vor allen anderen wird es dann gleißen,
denn – Eltern irren sich ja nie!

Die verlachten Kleingeister,
die das Ende des Regenbogens suchen,
sind in Wirklichkeit die großen Meister!

Das Ende eines Regenbogens finden
nur die kleinen Kinder,
und aus denen werden dann Erfinder.

Denn durch Farben hell und bunt,
tun Könner ihre Meinung kund.

Und auch das Baby Leonardo wird später erfahren,
was jeder lernt erst mit den Jahren:

Die Welt gehört den Einfallsreichen –

die einander niemals gleichen!

Inge Tusjak


Schnell mal die Welt verbessert

Am Sonntagmorgen, noch nicht mal aus dem Bett gekrabbelt, hatte der Klaus-Dieter schon miese Laune, die noch mieser wurde, dachte er an den schier endlos langen, familienintensiven Tag. Frühlingshafte Temperaturen bedeuteten nichts Gutes: Da wollten sie einen Ausflug machen!

Jeden Sonntag einen Ausflug. Von Montag bis Samstag malochen und sonntags einen Ausflug. Sein ganzes Leben lang.
Was ändern müsste er. An was? An allem. Er fing gleich an und verzichtete aufs Zähneputzen. Sein Frühstücksei verlangte er wachsweich, den Toast leicht schwarz gerändert, statt Erdbeermarmelade strich er sich Aprikose aufs unbebutterte Brot.
Das war ein gewaltiger Einschnitt in sein bisheriges Leben. Wozu Socken, Hemd und Hose? Der Schlafanzug tat’s auch. Seine Aufmüpfigkeit gegen alles krönte er mit dem Tragen der Tauchflossen vom letzten Badeurlaub. Damit stieg er für eine Weile wie der Storch im Salat durch die Wohnung.
Auch die brauchte einen neuen Kittel. Überall diese Porzellankopf-Püppies, Häkeldeckchen und Pipapos. Ab in die Rumpelkammer. Weg damit! Wuff, rumms, herrlich. Und diese penible Ordnung! Auch weg damit. Er schob, wuchtete und verrutschte, was ihm unter die Finger kam. Wer sagte, dass die Mikrowelle am Balkon kein hübsches Bild abgab? Apropos Bild. Den „Röhrenden Hirsch“ nahm er von der Wand und hing ihn mit dem Geweih nach unten übers Sofa.
Seine Frau verfolgte sein „Tun im Watschelgang“ mit hochgezogener Augenbraue, dann sagte sie ruhig: „Spinnst du?“ Klaus-Dieter fuchtelte hochrot erzürnt mit den Armen durch die Luft. „So ist das mit euch Kleinkrämern, für Neuerungen seid ihr einfach nicht aufgeschlossen! Sofort wird man als Spinner abge-stempelt. Aber Männer wie Galilei, Luther, Jesus, die Beatles und natürlich“, dabei nahm er sich stimmlich allerdings etwas zurück, „auch meines Schlages, sind es, die die Welt verändern!“

Sie schenkte ihm ein schräges Lächeln. „Diese Herren haben auch tatsächlich etwas bewegt. Du nur den Schirmständer auf den Tisch und die Kaffeemaschine neben das Klo. Aber ich will ja nicht als Spießerin dastehen und mach dir gern morgens ein wässriges Frühstücksei und lass den Toast anbrennen.“

Das war das Kreuz eines jeden Weltverbesserers: Ignoranz und missverstanden werden.
Veränderungen sind nicht immer bequem. Und er gab’s ja zu, auch nicht immer sinnvoll. Und ehrlich gesagt, ließ es sich mit den Entenfüßen nicht besonders leicht durchs neue Leben gehen. Ab Montag gab es wieder ein Fünfminuten-Ei.

Martina Tischlinger


Ins Poesiealbum einer Zwölfjährigen

A Madla lebbd im Frank’nländla,
wär ie a Bou, däd iech’s an’s Bändla!

Di Baa su lang, iss G’schdell su dinn,
im G’sichdla wohnd a Lichdla drin,
si dreimd si nei in fremde Weld’n,
firssd si durch Bicher vull vu Held’n,
schlächd Kabriol’n aas di Voll’n
und scherd si weng, woos andre woll’n.
Däi Glanne grausd’s, wäi iech däss seh,
vurm „Brov’n-Kind-Glischee“ vu je.
Si sedzd si durch, iss unverboong,
blouß Beese nenner däi „verzoong“!

Und vursichd, Boum, ihr Kupf dränierd
scho heid aaf doll emanzibierd.
A jeder Limm’l sollerd wiss’n,
der wou si draud, däi einsd zu kiss’n:

Däi Fraa, edz nu halberd’s Kind,
wird jed’m Mooh zum Wirblwind!

Iech brofezeis’s eich frei und fix:

Fier Zahme is däi Schäine nix!

Emma Mayer


das paradies im kopf

irgendwann wird arbeitslosigkeit
kein makel mehr sein

(die erlösung von der zeit bedeutet
nicht automatisch stillstand)

irgendwann wird jeder einsame
mann eine frau haben

und jede einsame frau
einen mann

niemand wird mehr in überkommenen
kategorien denken, stattdessen
wird es nur noch freude und tränen
geben über so viel glück,
die inkontinenz des verstandes

und wir, wir werden dastehn,
alles ehen, körperhaft mit unseren
eigenen augen, von außen
den raum abstreifend – wir,

sonst so flatterhaft und allesfressend,
plötzlich still und in uns gekehrt;
die zaungäste unseres herzens.

Jens Kaiser

(weitere Gedichte sind in der fränkischen

Literaturzeitschrift „Wortlaut“ erschienen)


Der Sncheider – ein Qerduneker?

Der ezinige Meschn, der scih vernftiüng vrhäelt, ist mien Sncheider. Er nmimt jdees Mal neu Maß, wnen er mcih trffit. Wehränd alle adneern imemr die atlen Mäsßtabe anlgeen in der Mneiung, sie psstaen acuh hetue ncoh.

Was wir bruahcen, snid ein paar vrreükcte Letue; shet ecuh an, whoin uns die Nromalen gbreacht hbaen.

(Zitat: George Bernard Shaw 1856 – 1950)

Sicher können Sie den Text ohne Probleme lesen. Ein Phänomen, das fasziniert: Wenn sich der erste und der letzte Buchstabe eines Wortes an der richtigen Stelle befinden, können die übrigen Buchstaben völlig durcheinander dastehen. Und doch ordnet unser Hirn das Chaos zu genau den Wörtern, die gemeint sind.

Kontrolle gefällig?

Der einzige Mensch, der sich vernünftig verhält, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft. Während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch.

Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.
(Zitat: George Bernard Shaw 1856 – 1950)

Idee: Martina Tischlinger


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